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Stefan Brunner · Bergführer
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Taglines können beim Mehrseillängenklettern eine enorme Erleichterung sein. Der große Vorteil: Du kletterst nur mit dem Material am Gurt, das du für die jeweilige Seillänge wirklich brauchst. Das spart Gewicht und schafft Platz am Gurt – besonders in schweren oder steilen Seillängen ein echter Vorteil.

Klettern in Sardinien, hier am Punta Giràdili. Mit Tag-Line macht klettern im gehobenen Schwierigkeitsgrad einfach mehr Spass.
Ganz so einfach ist das Thema allerdings nicht. Eine Tagline muss genauso gemanagt werden wie ein Seil oder Halbseile. Sie kann sich verhängen, verwurschteln, im Gebüsch hängen bleiben oder an Felsschuppen verklemmen. Oder eben auch nicht.
Die zwei wichtigsten Faktoren dafür sind:
die Tagline selbst
(Material, Durchmesser, Länge, Gewicht und Oberflächenbeschaffenheit)
der Faktor Mensch
also du und dein Seilpartner
Dazu kommt noch ein dritter Faktor: das Gelände.
Gelände und Einsatzbereiche
Überhängendes Gelände
Hier spielt die Tagline ihre größten Vorteile aus.
Der Haulbag lässt sich meist problemlos nachziehen.
Ideal, um mit leichtem Gurt zu klettern – ohne zusätzliche Schuhe, Wasser, Regenjacke oder sonstiges Material am Körper.
Gerade in steiler Kletterei zählt jedes Gramm weniger am Gurt.
Senkrechtes Gelände
Auch hier funktioniert das Nachziehen meist sehr gut.
Der Nachsteiger sollte niemals direkt unter dem Haulbag klettern (Steinschlaggefahr).
Besser auf gleicher Höhe oder leicht versetzt bleiben.
Der Haulbag muss teilweise aktiv gemanagt werden, da er sich gerne an kleinen Dachkanten verhängt.
Plattiges oder geneigtes Gelände
In kompakten Platten kann Haulen ebenfalls funktionieren – allerdings mit Einschränkungen.
Sinnvoll vor allem dann, wenn die Kletterei schwierig ist.
In leichtem Gelände ist Klettern mit Rucksack oft schneller und sicherer.
Je flacher das Gelände wird, desto weniger lohnt sich das Haulen:
höhere Steinschlaggefahr
größere Wahrscheinlichkeit, dass der Sack hängen bleibt

Die verschiedenen Tag lines nebeneinander. 3mm Dyneema (im Sackerl) 5mm Leech-Line, Glacier Cord, älteres Halbseil. Alle Lines 60 Meter
Material
Grundsätzlich kann fast alles als Tag Line verwendet werden, solange damit leichte Lasten nachgezogen werden können. Entscheidend ist die Frage:
Was soll deine Tagline zusätzlich noch können?
Je weniger Zusatzfunktionen du benötigst, desto leichter und dünner kann die Tagline ausfallen.
Die perfekte „Wunder-Tagline“ existiert allerdings noch nicht. Idealerweise hätte sie:
extrem geringes Gewicht
minimales Packmaß
hohe Bruchlast
problemloses Abseilen wie mit zwei Halbseilen
gutes Handling ohne Verheddern
Minimalistisch: 3 mm Dyneema – 60 m

350 Gramm auf 60 Meter, incl. Sackerl und 2 Schnapper. Die leichteste von mir verwendete Variante.
Die dünnste von mir verwendete Tagline.
Vorteile
extrem kleines Packmaß
sehr geringes Gewicht
60 Meter passen in ein Chalkbag
Nachteile
Handling muss geübt werden
durch das geringe Gewicht lässt sie sich kaum „schlenkern“
verhängt sich leicht an kleinen Felsschuppen
Abseilen nur am Kletterseil (Karabiner gegen Kettenglied)
Abziehen des Seils erfolgt über die dünne Schnur und geht deutlich schwerer
Handschuhe sind beim Abziehen sehr angenehm
kein echtes Backup
funktioniert nicht mit klassischen Seilklemmen
(Ausnahme: Speziallösung mit Micro Traxion)

die 6mm Dyneema Tag line im Einsatz am El Capitan. Das geringe Gewicht ist durch die Schlaufe in der Luft fast sichtbar.
6 mm Dyneema – 60 m
Vor- und Nachteile ähneln stark der 3-mm-Version.
Vorteile
leicht
relativ kleines Packmaß
funktioniert mit Seilklemmen
Nachteile
etwas mehr Gewicht und Volumen
weiterhin sensibles Handling
Leech Line 5 mm

Vorteile
geringes Gewicht
(60 m ca. 950 g)
kleines Packmaß
hohe Festigkeit (ca. 1000 daN)
funktioniert mit Micro Traxion und ähnlichen Seilklemmen
Nachteile
abseilen, Karabiner gegen Kettenglied
Mammut Glacier Cord 6 mm

Vorteile
gutes Handling
angenehmer Grip
funktioniert mit Seilklemmen
Normales abseilen am Doppelstrang möglich (höhere Kantensicherheit)
Nachteile
der Kevlar-Anteil fusselt stark aus beim abseilen
Das gute alte Halbseil

Vorteile
meist sehr gutes Handling
weniger Verheddern
solides Backup
Nachteile
höheres Gewicht
im steilen Gelände deutlich spürbar
in senkrechtem oder plattigem Gelände oft weniger relevant
Statikseile / Haul Lines
Hier wird es spezieller.
Statikseile machen vor allem Sinn, wenn schwere Lasten nachgezogen werden müssen – etwa beim Big-Wall-Klettern mit 100 kg oder mehr.
Mit einem Statikseil am Gurt frei zu klettern, empfehle ich nur in sehr leichten Seillängen. Für harte Freikletter-Moves ist das meist zu störend.
In solchen Fällen verwende ich lieber eine leichte Tag Line, mit der ich anschließend das dicke Haulseil samt Rollen hochziehen kann.
Alternativen zur klassischen Tagline
Nicht immer braucht man überhaupt eine Tagline, um einen Haulbag durch schwere Passagen zu bekommen.
Bei kurzen Seillängen kann man oft einfach das Restseil zum unteren Stand ablassen und den Haulbag damit nachziehen.
Wichtig:
Das funktioniert nur in geeignetem Gelände:
eher steil bis senkrecht
keine starken Querungen
Eine weitere Möglichkeit:
Nur einen Teil der Tag Line verwenden, während der Rest im Haulbag bleibt („Mid-Pitch-Haul“).
Das eignet sich besonders für:
kurze Überhänge
danach folgendes leichteres oder plattiges Gelände
Achtung an Freikletterer:
Zwischensicherungen nicht mit Körpergewicht belasten, wenn der Rotpunkt, Flash oder Onsight-Versuch zählt.
Lead Rope Solo
Auch beim Lead Rope Solo klettere ich häufig ohne klassische Tagline und kann den Haulbag trotzdem nachziehen.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Fazit
Auf den meisten Touren der letzten Jahre hatte ich entweder die Mammut Glacier Cord oder ein altes Halbseil dabei.
Für besonders steile und schwere Touren, bei denen jedes Gramm zählt – etwa in der Gorropu – kann man beim Thema Tag Line noch weiter optimieren. Vor allem dann, wenn das Abseilen keine Rolle spielt, weil Fixseile vorhanden sind. In solchen Fällen kommt bei mir die 5 mm Leech Line zum Einsatz.
Da mittlerweile fast jeder Seilhersteller eigene Tag Lines anbietet, ist es unmöglich, alle zu testen oder aufzulisten.
Eines haben sie aber alle gemeinsam:
Bei richtiger Verwendung und im passenden Gelände spart der Vorsteiger durch diese dünnen Hilfsleinen enorm viel Kraft und Energie.